Am Boden

In der Stadt sind viele Menschen unterwegs. Einige schlendern von einem Geschäft zum Nächsten und lassen sich von ihrem Konsumrausch davontragen. Andere hetzen mit verbissenem Gesicht und Coffee-to-go-Becher in der Hand an einem vorbei. Über der Schulter einer Studentin hängt ein abgenutzter Leinenbeutel, aus dem das Grün von einem Bund Karotten hervorlugt, den sie vermutlich gerade auf dem Marktplatz erstanden hat. Ein älteres Ehepaar zieht die Tür zur Teestube auf und verschwindet zusammen mit dem kurzen Dufthauch von Apfelstrudel und Kaffee. Eine junge Mutter zerrt ihr schreiendes Kind zum nächsten Eisstand. Vermutlich, damit es endlich Ruhe gibt.

Ruhe.

Da sind noch ein paar Menschen. Dort. Könnt ihr sie nicht sehen? Dort. Am Boden. Da, wo alte Kaugummis die Steine bedecken.  Dort, wo achtlos ein Fuß nach dem anderen vorbeihuscht. Ohne sie zu bemerken, treten wir ihnen auf die Füße. Diesen Stillen. Diesen Unerkannten. Diesen Unsichtbaren. Am Boden.

Wir hören nur unser eigenes Lachen, während die leisen Tränen der Unsichtbaren ungesehen im Wind verwehen.

Wir wollen zum nächsten Laden. Die tolle blau-weiß-gestreifte Jacke aus dem Schaufenster anprobieren. Wir haben Hunger. Soll es heute mal die Pizza auf die Hand sein oder tut es so für zwischendurch auch das Rosinenbrötchen? Wir sind müde und fahren nach Hause. Ins Warme. Ins Geborgene. In unseren persönlichen Ort der Stille.

Doch die Unsichtbaren sitzen immer noch dort. Am Boden. Und hoffen darauf, dass irgendwer ihre stummen Schreie hört.

Hört ihr sie?

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2 Gedanken zu “Am Boden

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